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Es gibt im Spitzensport keine faulen Kompromisse

Das vergangene Jahr verlief für den heimischen Golfsport insgesamt durchwachsen. Wir baten Markus Frank, Vorstand der Kommission Leistungssport, zum Interview, welches in der neuen Ausgabe von Golf&Country erscheint, die ab 25.1. am Kiosk erhältlich ist. In dem Gespräch analysiert er die letzte Saison und gibt einen Ausblick auf die Zukunft.

Sie sind seit bald zwei Jahren Vorstand der Kommission Leistungssport bei Swiss Golf. Was genau sind Ihre Aufgaben in dieser Funktion?
Markus Frank: «Die Kommission Leistungssport definiert die Strategie für den Bereich Leistungssport, die der Vorstand abnimmt und welche von der Delegiertenversammlung gutgeheissen werden muss. Dabei geht es unter anderem darum, welche Ziele wir setzen, welche Ressourcen wir haben und welche Schlüsselmassnahmen wir zum Erreichen benötigen. Letztlicht geht es darum, langfristig die Grundlagen und Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass wir im Leistungssport als kleines Land wettbewerbsfähig sind und kurzfristig mit unseren Möglichkeiten der Spieler, Trainingsverhältnisse und Coaches das Maximum herausholen können. Die Leistungskommission Sport trifft unter anderem Personalentscheide über Coaches und wer in die Nationalkader kommt, wer die Schweiz an EMs und WMs vertritt und unterstützt Golfende beim Wechsel in das Profilager.»
 
Sie können eine höchst erfolgreiche Golfkarriere vorweisen. Wie helfen Ihnen diese Erfahrungen bei Ihrer Funktion?
«Natürlich sehr, weil ich alle Dimensionen aus eigener Erfahrung kenne. Aufgrund meines eigenen Weges kenne ich die Abstimmung zwischen Sport, Schule, Studium, Beruf und Familie. Es ist wichtig, zu verstehen, wie das System funktionieren muss. Im Spitzensport – ich bin selbst Europameister – haben Sieger eine gewisse Mentalität. Das setzt eine Konsequenz voraus, sich für diese Leidenschaft und die Ziele zu 100 Prozent einzusetzen. Ein junger Golfer muss sich darüber klarwerden, ob er dafür bereit ist. Dabei gibt es immer wieder Milestones, wo er sich erneut entscheiden muss.»

Wann folgen noch weitere Entscheidungen?
«Das beginnt mit 14 oder 15 Jahren beim Schulentscheid, später beim Studium, bei der Frage nach optimalen Trainingsmöglichkeiten oder bei der Entscheidung, direkt eine Profisportkarriere zu beginnen. Wie vereinbare ich Sport und Familie? Ich denke, es braucht Leidenschaft und 100- prozentige Konsequenz. Es gibt im Spitzensport keine faulen Kompromisse! Es ist ganz wertvoll, wenn ich das in die Arbeit einbringen kann.»

Die Saison 2019 ist nun Geschichte. Wie lautet Ihre Bilanz aus Schweizer Sicht?
«Durchzogen. Sehr erfreulich und am Sichtbarsten ist die Qualifikation von Albane Valenzuela für die LPGA Tour. Elena Moosmann hat mit ihrem Sieg auf der Access Tour ihr riesiges Talent gezeigt. Bei den Boys U18 und den Girls haben wir tolle junge Spieler mit viel Potenzial. Das ist die Generation, die wir mit neuem Fördersystem mit zwölf Elitekadern aufgebaut haben. Es ist uns jedoch nicht gelungen, bei den Amateuren und den Damen mit der Spitze mitzuspielen. Die Amateur-Herren konnten sich für die höchste Kategorie der Mannschafts-EM qualifizieren. Nicht zufriedenstellend sind die Ergebnisse bei den Pros und Proetten. Hier ist es unsere Aufgabe, die Voraussetzungen zu schaffen und Strukturen zu legen, um vorwärtszukommen.»

Wie unterscheidet sich die Förderung von Amateuren im Vergleich zu Profis?
«Die Trennung von Amateuren und Profis im Golfsport ist ein Anachronismus. Wir sind die einzige Sportart, wo es das noch gibt. In meiner Zeit wurde Karl Schranz einmal von Olympia ausgeschlossen, weil er gegen die Amateurregeln verstossen hatte – heute unvorstellbar. Im Tennis hat das längst aufgehört, nur im Golf gibt es das noch. Viele Golfverbände haben diese Schranke – zumindest mental – aufgehoben. In der Schweiz wird ein Spieler, sobald er Profi wird, in die Selbstständigkeit entlassen. Von diesem Moment an ist er zu 100 Prozent auf sich allein gestellt. Es gibt keine Verbandsunterstützung, obwohl wir das bereits aufgeweicht haben.»

Was sind die grössten Herausforderungen für einen Pro?
«Es braucht ein Team mit Trainer für langes Spiel, kurzes Spiel, Mental-, Physiotrainer, Fitnesscoach und Reiseorganisation. Dieses System braucht ein erfolgreicher Pro, um im Wettbewerb bestehen zu können. Ein Pro muss sich das selbst erarbeiten und die Finanzierung sicherstellen. Golf hat das Verständnis, es handelt sich um einen Amateursport und ein Profi ist selbstverantwortlich. Er muss die Herausforderungen alleine stemmen und das steht einer vernünftigen Weiterentwicklung im Wege. Schweden, Frankreich, Italien und Dänemark machen das schon länger anders. Wir haben bei der Förderung der Amateure sehr vieles geändert, das werden wir nun auch bei den Pros machen.»
 
In einem Interview in unserem Magazin meinte Stéphane Barras, in der heimischen Nachwuchsförderung liefe etwas falsch. Die Schweizer Spieler bezeichnete er dazu als, Zitat, «verwöhnt» sowie als «entweder zu selbstbewusst oder dumm». Wie kommentieren Sie diese Aussagen?
«Ich denke, diese Aussagen disqualifizieren Stéphane Barras. Die Besonderheit der Schweiz ist im Unterschied zu anderen Ländern, dass Schule und Ausbildung einen aussergewöhnlichen Stellenwert haben. Damit kämpfen alle Sportarten – die Abstimmung von Sport und Schule ist bei uns eine riesige Herausforderung. Wir sind eines der privilegiertesten Länder in Sachen Wohlstand und Möglichkeiten. Unsere jungen Leute haben unglaublich viele Op­tionen – in anderen Ländern sehen sie ihre Zukunft im Sport, da sie sonst kaum Perspektiven haben. Sie sind weder dumm noch verwöhnt! Sie haben die Herausforderung, Schule und Sport unter einen Hut zu bringen und unter den vielen sich bietenden Optionen eine gute Wahl zu treffen. Das ist die richtige Aussage!»

Ziehen wir vielleicht einen Vergleich zwischen Damen und Herren. Die Damen konnten 2019 mit dem Sieg von Elena Moosmann in Gams und der Qualifikation von Albane Valenzuela für die LPGA Tour grosse Erfolge verbuchen, während es bei den Herren nicht wirklich gut läuft. Haben Sie eine Erklärung dafür?
«Wir hatten auch Jahre, da waren die Herren besser als die Damen. Bei einer schmalen Spitze fallen individuelle Entwicklungsschritte ins Gewicht. Albane machte eine sensationelle, zielgerichtete und optimal auf den Sport ausgerichtete Entwicklung durch. Es ist höchst erfreulich, dass sie Stärke, Robustheit und mentale Kraft hat, um ihr Spiel auch bei den Profis zur Geltung zu bringen. Das ist nicht selbstverständlich! Elena Moosman ist ein riesiges Talent. Bei den Herrren müssen wir noch ein bis zwei Jahre Geduld haben. Ich bin überzeugt, dass wir dann die Resultate sehen werden.»

Letztes Jahr gab es mit Joel Girrbach einen Spieler auf der European Tour, dieses Jahr gibt es gar keinen mehr. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?
«Der Grund dafür ist, dass die aktuellen Playing Pros noch aus dem alten System kommen – sie wurden im Amateurbereich aufgebaut und erlebten dann den radikalen Schnitt zwischen Amateur und Pro. Das ist im Prinzip das Resultat der Situation. Sie waren komplett auf sich alleine gestellt – sie müssen jedoch auch selbstständig werden.»

Was können Sie konkret zu Joel Girrbach sagen?
«Die Kunst ist es, die Balance zu finden. Radikal in die Selbstständigkeit entlassen zu werden, ist sehr problematisch. Joel hat Lehrgeld gezahlt und viermal den Cut geschafft – er nimmt jetzt einen neuen Anlauf über die Challenge Tour, um sich erneut für die European Tour zu qualifizieren. Mit seinem Sieg auf der Challenge Tour und seinen Leistungen auf der European Tour hat er sein Potenzial bereits bewiesen.»

Sportdirektor Paolo Quirici verliess Swiss Golf nun nach sechsjähriger Tätigkeit. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
«Wir haben im Kontext der Entwicklung des Golfsports in der Schweiz die Strategie neu ausgerichtet. Unsere Clubs und die PGOs müssen schauen, dass wir neue Golfer gewinnen und dass die Golfclubs Nachwuchs haben. Die Golfer sollen in Clubs gehen, da sie die Infrastruktur mit 100 Plätzen zur Verfügung stellen und daher sehr wichtig sind. Ohne Plätze gibt es keine Golfer und ohne Golfer keine Plätze – es ist eine Abhängigkeit. Durch die PGOs wurde eine Bewegung geschaffen, die dem Ziel Breitensport mehr Beachtung schenkt. Das führte zu einer gewissen Relativierung des Spitzensports.»

Was waren die Prioritäten von Paolo Quirici?
«Quirici startete mit dem Anspruch, die Schweizer in der Weltspitze zu etablieren. So eine Strategie braucht viele Ressourcen und eine der notwendigen Massnahmen wäre ein nationales Leistungszentrum gewesen. Der Vorstand wich jedoch davon ab, da es eine falsche Allokation von Ressourcen gewesen wäre. Breiten- und Spitzensport sollen zusammengebracht werden. Wir werden den Spitzensport nicht vernachlässigen, sondern vorsichtig die notwendigen Potenziale schaffen. Quirici hat in sechs Jahren viel erreicht, er definierte jedoch das nationale Leistungszentrum als absolute Schlüsselmassnahme. Dieses kommt jetzt nicht, daher gehen wir getrennte Wege. Es war eine vernünftige Entscheidung, die nicht einfach war, aber sicher für beide Seiten das Richtige ist.»

Wie wurden die Ziele der Neuausrichtung definiert und ab wann rechnen Sie dadurch mit neuen Erfolgen?
«Die Spitzensportstrategie hat drei Pfeiler. Der erste ist das Fördersystem. Da setzen wir die hervorragende Arbeit von Paolo Quirici fort. Die Talente werden in zwölf Regionen in Kadern zusammengefasst und dort entwickelt und gefördert. Dort werden Spieler ab elf oder zwölf Jahren betreut, bis sie unser System verlassen und den Schritt zum Profi machen. Das Fördersystem bedingt auch, dass wir zwölf top Coaches haben. Wir haben sehr viel in Ausbildung und Entwicklung der Coaches investiert. Wir haben Master Coaches, absolute internationale Cracks, in allen Bereichen – bis hin zu methodischen und didaktischen, wie man richtig mit Kindern arbeitet. Es ist ein sehr gutes System, da hat Quirici hervorragende Arbeit geleistet.»

Welcher ist der zweite Pfeiler?
«Trainingssystem, Infrastruktur und Organisation. Das Konzept sah ein Leistungszentrum vor – was wir jetzt machen möchten, ist eine optimierte Lösung mit verschiedenen Anbietern. Crans bekommt beispielsweise vom Bundesamt für Sport Fördermittel als Austragungsort des Omega European Masters. Sempach ist ein zweiter Standort, der ähnliche Voraussetzungen bietet. Wir brauchen auch geeignete Indoor-Anlagen wie in Kaltbrunn, wo Indoor-Golf mit Fitness und Physio kombiniert wird.»

Warum wird doch kein Leistungszentrum benötigt?
«Wir wollen die verschiedenen Elemente, die man im Golf braucht, so konfigurieren, dass wir das mit einem vir­tuellen Leistungszentrum tun. Wir brauchen kein sicht­bares Leistungszentrum wie der Tennisverband in Biel. Wir glauben, es gibt einen smarten Weg, das virtuell zu machen. Wir haben in der Schweiz klimatische Verhältnisse, dass wir die Wintermonate geschickt nutzen müssen. Der richtige Weg ist sicher, dass wir selektiv an ausgewählten Orten im Süden Trainingslager machen werden.»

Welcher ist der dritte Pfeiler?
«Das ist das Elitesystem mit der Thematik vom Amateur zum Pro. Ab diesem Jahr wird es ein Swiss Golf Team geben mit den besten Pros sowie zwei bis vier Amateuren, die auf dem Weg zum Pro sind. Damit wird ein Kader für Abstimmung und gegenseitiges Lernen ermöglicht. Unter Performance Manager Stuart Morgan sollen die Jungpros und die besten Amateure erkennen, was ihnen zum Erfolg noch fehlt. Es gibt zu allem Statistiken: Von der Scoring Average über getroffene Grüns und Fairways bis hin zu Sand Saves und Putting. Unsere Spieler erfassen auf jeder Turnierrunde ihre Werte – das sorgt für Messbarkeit. Dadurch können gezielte Entscheidungen getroffen werden, welche Drills notwendig sind, um die Performance zu verbessern.»

Welche neuen Massnahmen wurden noch getroffen?
«Master Coaches werden Seminare veranstalten, wie Elitecoaches, Pros und Amateure noch besser zusammenarbeiten können. Wichtig ist dabei die Kontinuität über Jahre hinweg. Dazu wird es gemeinsame Trainingslager über die Wintermonate geben sowie eine Vorbereitung auf Q-School sowie vor den Events in Crans und Sempach. Wir werden die Pros weiterhin in einem überschaubaren Ausmass finanziell unterstützen. Sie erhalten Unterstützung, die ihnen erlaubt, die Saison vernünftig planen zu können. Sie bekommen beispielsweise ein Caddie-Geld, da ein Caddie sehr wichtig ist und sie sich sonst keinen leisten könnten. Das sind alles Massnahmen des Swiss Golf Teams.»

Hier finden Sie noch weitere Fragen, die nicht Teil des Interviews in unserer Print-Version waren:

Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie mit der vergangenen Saison im Gesamten?
«Ich denke, ich bin ein positiver Mensch und schaue daher auf Potenziale und Voraussetzungen. Wir haben mit Albane und Elena eine junge Generation, die heranwächst und in der Lage ist, auch auf höchster Pro-Ebene zu reüssieren. Bei den Boys müssen wir uns noch gedulden, da die College-Phase da noch kommt. Die Grundlagen von Paolo Quirici der letzten sechs Jahre tragen nun Früchte.»

Mit Albane Valenzuela spielt 2020 sogar eine Schweizerin auf der LPGA Tour, dafür ist aktuell keine Spielerin für die Ladies European Tour spielberechtigt. Wie wichtig wäre es, dass sich zumindest eine im Rahmen der Q-School (nach Redaktionsschluss, Anm. d. Red.) qualifiziert?
«Das wäre natürlich ganz toll für den Schweizer Golfsport. Es ist nur so, dass die Ladies European Tour schwächelt und grosse Probleme hat bei Sponsoring und Sichtbarkeit, die Zahl der Turniere ist sehr beschränkt. Der richtige Ort für gute Spielerinnen ist die LPGA Tour. Wir im Verband geben uns Mühe, die Ladies European Tour zu unterstützen. Wir fördern in der Schweiz jeweils ein Turnier jeder Spielklasse. Das ist wichtig, damit unsere Spielerinnen und Spieler Startmöglichkeiten bekommen. Wir tragen unseren Teil dazu bei, dass die LET hoffentlich floriert und eine bessere Zukunft hat.»

Gibt es genaue Ziele, wie viele Spieler Sie bis wann auf einer gewissen Tour haben möchten?
«Nein, die gibt es nicht. Wir setzen Ziele in der Leistungsebene, die in der Leistungspyramide unter der Spitze der Tour-Pros sind. Darunter befindet sich der Schnitt der besten Amateure, solange sie im World Amateur Ranking erfasst sind. Das ist für uns der entscheidende Massstab. Dort schaffen wir die Grundlage dafür, dass das Swiss Golf Team funktioniert. Dort wollen wir uns stetig verbessern – sowohl bei der Anzahl der Spieler als auch bei der Positionierung. Wenn es ein Amateur nicht in die Top 200 schafft, dann ist ziemlich fraglich, ob er die Voraussetzungen dafür mitbringt, sich als Playing Pro auf der obersten Tour etablieren zu können. Das ist für uns die entscheidende Grösse.»

Können Sie einen Vergleich mit anderen kleinen Ländern ziehen? Was machen sie dort anders oder besser?
«Ich habe mich stärker mit Italien und Dänemark auseinandergesetzt. Diese beiden Länder haben eine Strategie, bei der Voraussetzungen und Kompetenzen von innen heraus geschaffen werden. Trainingssystem und Coaches wurden optimiert, die weltweit besten Leute der Bereiche Technik, Technologie und Coaching wurden gesucht. Sie haben diese Leute aufgebaut. Ich kenne Markus Brier von früher, er spielt nun bei den Senioren und coacht die besten Amateure und Pros in Österreich. Diese Betreuung und Kontinuität ist sehr wesentlich und wir werden dies auch einführen – wenn die Pros es möchten, dann werden sie im Coaching Kontinuität bekommen. Ein Elitecoach arbeitet dann weiter mit einem Spieler nach dem Wechseln ins Profilager. Österreich hat das sehr gut gemacht, da gratuliere ich. Das ist für uns Motivation, das auch zu tun.»


Dieser Beitrag erschien in Golf&Country Ausgabe 1+2/2020. Alle Themen der Januar-Februar-Ausgabe finden Sie hier. Die neue Ausgabe ist ab 25.1. am Kiosk erhältlich oder unter www.golfandcountry.ch/abo zu bestellen. Möchten Sie Golf&Country als E-Paper abonnieren? Informationen dazu finden Sie hier.

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