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Der Schocker von Paris

Thomas Bjorn und sein Team haben es geschafft

Was war im Vorfeld des Ryder Cups in Frankreich nicht alles geschrieben worden. Die meisten Experten sangen ein Loblied auf die scheinbar übermächtigen US-Amerikaner, Statistiken über die Weltranglisteplätze wurden bemüht, Kritik am Teamchef Thomas Bjorn für die Berufungen von Sergio Garcia und Ian Poulter per Captain’s Pick wurden laut und viele prognostizierten eine deutliche Niederlage für die Gastgeber. Und dann – als ob die Europäer genau solche Kommentare als zusätzliche Motivationsspritze nutzten – kam alles ganz anders, oder vielmehr wie gehabt: Die Männer um Jim Furyk kassierten die sechste Auswärtsniederlage seit 1993 in Folge. Einer in den rot-weiss-blauen Farben schien allerdings schon von Beginn an ein ungutes Gefühl gehabt zu haben. Tiger Woods hatte ständig einen angespannten Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung war gänzlich anders als bei seinem triumphalen Sieg an der Tour Championship vor einer Woche in Atlanta. Der Rückkehrer des Jahres wirkte zudem so müde, als hätte er den Atlantik in einem Ruderboot überquert und holte nicht einen einzigen Punkt in vier Matches.

  1. Tag

Am Freitagvormittag schien für Team USA eigentlich alles wie geplant zu laufen. Nach den Fourballs lagen die Europäer mit 1:3 Punkten im Rückstand und der einzige Lichtblick war das scheinbar so ungleiche Duo Molinari/Fleetwood, das Reed und Woods mit 3&1 schlagen konnte. Doch in den Foursomes am Nachmittag erlebten die Amerikaner dann eine böse Überraschung: Kein einziger Match ging bis zum Schlussloch und die beiden 5&4 Niederlagen von Mickelson & Dechambeau gegen Garcia & Noren und den beiden Superstars Spieth & Thomas gegen Molinari & Fleetwood konnte man nur als veritable Klatschen bezeichnen. Am Freitagabend lagen die Gastgeber überraschend 5:3 in Führung und es sollte noch dicker kommen, denn am

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machten es die Europäer in den Fourballs deutlich besser als am Vortag und gewannen drei von vier möglichen Punkten. Bemerkenswert (oder aus Sicht der Zuschauer bedauerlich), das wiederum kein Match über die volle Distanz ging und es nie zu einem Showdown am 18. Loch (einem tollen klassischen Matchplay-Hole) kam. Erneut waren Molinari/Fleetwood – ein Kommentator kreierte flugs den Spitznamen „Moliwood“ – für den klarsten Sieg mit 5&4 gegen Woods/Reed besorgt und die etwas gewagte Wahl von Thomas Bjorn machte sich voll bezahlt, auch mit der Paarung von Paul Casey, der nach 10 Jahren wieder im Team stand und Rookie Tyrell Hatton, die die höher eingeschätzten Dustin Johnson und Ricky Fowler schlagen konnten.

Bis zum letzten Match am Samstagmorgen hatte das „Heimteam“ acht Vollerfolge hintereinander eingefahren und erst Spieth & Thomas konnten gegen Ian Poulter und Jon Rahm endlich wieder einmal für die USA punkten. Zwischenstand: 7 zu 4 für die europäische Equipe.

In den letzten Zweiermatches am Nachmittag machten „Moliwood“ genau das gleiche wie zuvor mit allen anderen Kontrahenten und überfuhren Woods & Dechambeau wieder mit 5&4. Ein solches Powerduo hatte man seit Ballesteros und Olazabal nicht mehr gesehen, zumindest nicht auf dieser Seite des grossen Teiches. Auch Justin Rose und Henrik Stenson konnten nach dem Vortag erneut einen Sieg verbuchen, diesmal gegen Johnson und Koepka. Die beiden anderen Matches Garcia/Noren gegen Watson/Simpson und Poulter/McIlroy gegen die Spieth/Thomas gingen zwar verloren, aber vor dem grossen Finale am Sonntag war klar, dass das Team um Thomas Bjorn „nur“ noch 4½ Punkte aus 12 Spielen benötigte, um den Pokal zurück nach Europa zu holen.

  1. Tag

Am Sonntag brannten die US-Amerikaner ein kleines Feuerwerk ab und für eine Weile sah es so aus, als ob es doch noch eine enge Kiste werden könnte. McIlroy, der schon an den ersten beiden Tagen nie voll auf Touren gekommen war – mal haderte er mit dem Driver, dann wieder mit dem Putter – verlor gleich das erste Match gegen Justin Thomas, Webb Simpson schlug Rose mit 3&2 und Tony Finau (auch er zuvor eher blass geblieben) bescherte Fleetwood eine schmerzhafte 6&4 Abfuhr. Doch dann fanden die Europäer irgendwie einen zusätzlichen Gang. Torbjorn Olesen fegte den vorher so toll spielenden Justin Thomas schon nach 14 Löchern vom Platz, der alte Haudegen Ian Poulter besiegte die Weltnummer 1 Dustin Johnson, Sergio schlug Ricky Fowler und Molinari wurde nach dem Sieg über Mickelson zum eigentlichen Cup-Winner. Der stille Mann aus Turin, der oft einen leicht skeptischen Gesichtsausdruck trägt, wurde damit zum Punktehamsterer für Europa. Fünfmal am Start, fünfmal ein Vollerfolg. Kein Wunder, dass er von allen Teamkollegen und den Zuschauern wie ein Held gefeiert wurde.

Henrik Stenson (5&4 gegen Bubba Watson) und Alex Noren gegen Dechambeau holten die letzten Punkte zum überdeutlichen Verdikt von 17½ : 10½ für Europa. Der letzte Match blieb bis zum Schluss ausgeglichen und es war irgendwie bezeichnend, dass Noren auf dem letzten Grün einen Monsterputt zum 1up lochte. Da waren aber fast alle anderen schon längst mit Feiern beschäftigt, sodass die feine Leistung des Rookies nicht richtig gewürdigt wurde.

Sergio Garcia gehörte in Paris zu den grossen Figuren. Der Spanier hatte 2018 bei allen vier Majors den Cut verpasst, erwies sich aber wie immer beim Kontinentalvergleich als sicherer Wert und war an drei Punkten beteiligt. Damit stehen nun insgesamt 25.5 Punkte auf seinem Konto und El Niño übertraf damit den bisherigen Leader Sir Nick Faldo (25 Punkte). Und auch Ian Poulter schrieb ein Stück Geschichte: Der 42jährige Engländer ist nun seit seiner ersten Teilnahme 2004 in den Einzelmatches ungeschlagen, trägt den Spitznamen „Postman“ (er liefert immer…) zu Recht. Poulter schnappte sich dann von einem Zuschauer noch ein Briefkasten-Kostüm und ist wohl der Einzige, der sich solche Spässe erlauben kann ohne völlig lächerlich zu wirken.

Die unterlegenen US-Spieler behielten – wie auch die allermeisten der täglich über 50‘000 erschienenen Zuschauer während den drei Tagen – zwar die Kontenance und gratulierten artig, doch der Schock stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. Was war da auf dem Albatros Course des Golf National passiert? Nur der immer noch siegeshungrige Tiger Woods gab ein deutliches, wenn auch nicht ganz salonfähiges Statement ab: „I am pissed off“, und verschwand dann rasant. Er dürfte das in erster Linie auf seine eigene Leistung bezogen haben, aber seine Teamkollegen machten es auch nicht viel besser. Johnson, Koepka und Thomas, die Weltnummern 1, 3 und 4 waren zusammen nur gerade an 1½ Punkten mehr beteiligt als Francesco Molinari alleine.

Text: Peter Hodel
Foto: Getty Images / Gareth Fuller

 

1 Kommentar

  1. Thom krieger sagt:

    Herzlichen Dank für die tollen Geschichten . Süfig geschrieben …. cool .
    Die “ vogel warte sempach“ hat mir am meisten gefallen
    Bitte weiter so ….
    das trockene golfblabla können andere kritzeln 🙄

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