Bereit für den Frühling
29. April 2021
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Der Golf-Guru

Nicht nur mit seinem Surfer-Style ist Tommy
Fleetwood eine Ausnahmeerscheinung im Golfsport. Eigene Wege geht der junge Brite auch neben dem Platz. Neu auch für eine Schweizer Luxusuhrenmarke.

Jede Sportart hat ihre Exoten, ihre Rebellen. Es sind Typen, die nicht den Normen entsprechen und dank ihrer Individualität und ihrem Talent den Sport prägen. Der Fussballer Alain Sutter kommt einem als Schweizer Beispiel in den Sinn. International Andre Agassi mit seinem Hang zu schillernden Outfits. Auch Bode Miller, der eigenwillige US-Skistar, der Linien fahren konnte, die der Physik trotzen, gehört in diese Kategorie. Genau wie Eric Cantona, Manchester Uniteds französische Mittelfeld-Ikone zwischen Genie und Grössenwahn.

Tommy Fleetwood ist keiner, der mit grossen Sprüchen um sich wirft. Der Brite gilt als fröhlicher und entspannter Mensch, der keinerlei Allüren hat. Dass er dennoch eine Ausnahmeerscheinung in seinem Sport ist, liegt an seinem Auftreten. Mit seiner wallenden Mähne und seinem Seemannsbart entspricht er so gar nicht dem Bild des klassischen Golfprofis, auch wenn sich dieses in den vergangenen Jahren verändert hat. Tatsächlich erinnert Tommy Fleetwood eher an einen kalifornischen Surfer als an einen Golfspieler, zumal auch sein lockerer Kleidungsstil von üblichen Tenues auf dem Course abweicht.

Zum Markenzeichen geworden ist aber zweifellos seine Haarpracht. Kurzhaarig und rasiert kann man Fleetwood eigentlich nur noch auf Fotos aus seiner Amateurzeit sehen. Dabei hat seine Frisur einen erstaunlich pragmatischen Hintergrund: «Eines Tages hatte ich mir aus einer Laune heraus den Kopf kahl rasiert», so der Golfprofi in einem Interview mit CNBC. Dabei habe er bemerkt, dass er eine «ziemlich eigenartige Kopfform» besitze. Seither lasse er die Haare wachsen. Und: «Meine Frisur ist längst Teil meiner Marke geworden – deshalb bleibt der Rasierer bis auf Weiteres weggepackt.»

Trademarks beschränken sich bei Fleetwood aber nicht nur auf die Optik. Auch sein Spiel ist auffällig; etwa die Art, wie der 30-Jährige seinen Putter hält. Der Wechsel auf den Claw Grip verhilft ihm denn auch zu seinen grössten Triumphen. Dabei ist lange nicht klar, ob aus dem vielversprechenden Amateur auch ein erfolgreicher Profi wird. Lange dümpelt der Engländer in den hinteren Regionen der Weltrangliste und zweifelt, ob seine Entscheidung richtig war. Dann aber folgt sein steiler Aufstieg: Fleetwood feiert vier Siege – unter anderem die Abu Dhabi HSBC Championship und die Open de France – auf der European Tour, es folgen Top-Ten-Plat­zierungen bei Major-Turnieren sowie der legendäre Auftritt mit Francesco Molinari beim Ryder Cup 2018. Fleetwood und Molinari, «Moliwood», wie das Duo genannt wird, sind die Grundlage für den unvergesslichen 171⁄2-101⁄2-Sieg des Teams Europa gegen die USA.

Für die Fachwelt ist klar: Der Sprung in die Top Ten der Weltrangliste ist nur der Anfang einer Karriere, die Fleetwood ganz an die Spitze führen wird. Allerdings hat ihn die Pandemie zuletzt ein wenig ausgebremst; nach dem Restart der PGA Tour hapert es bei ihm mit Top-Platzierungen. Ein Umstand, den der Spieler auf den veränderten Rhythmus zurückführt: «Es war ein merkwürdiges Jahr. Wenn du eine verkürzte Saison hast und jede Woche ans Limit gehen musst, verlierst du die Geduld, die du bei einem Turnierplan über 12 Monate hast.»

Aus der Ruhe bringen solche Phasen den Shootingstar indes nicht. Seine für ihn typische Lockerheit gründet unter anderem in einem gut funktionierenden Umfeld. Zu diesem gehört zuallererst seine Familie. Seine langjährige Freundin Clare heiratete er 2017, im selben Jahr wurde Fleetwood Vater von Söhnchen Franklin. Die Familie ist für den FC-Everton-Fan ein emotionaler Rückhalt, den kein noch so grosser Titel ersetzen könnte. «Es gibt keinen grösseren Motivator als die eigene Familie und die Kids», so Fleetwood in einem Interview. «Sie sind auch für mich da, wenn es auf dem Golfplatz nicht so läuft.» Er sei ein selbstloser Charakter und habe grundsätzlich Probleme damit, egoistisch zu handeln, beschreibt er sich selbst. «Eine Familie zu haben gibt mir einen Grund, für den es sich zu arbeiten lohnt. Selbst wenn ich nie wieder einen Golfball schlagen könnte, wäre ich absolut glücklich mit meiner Situation und den Menschen um mich herum.»

Job und privates Glück sind bei Fleetwood denn auch eng verfloch­ten. So war sein Caddie, Ian Finnis, bei der Hochzeit nicht nur Gast, sondern auch sein Trauzeuge. Und Gattin Clare ist gleichzeitig auch seine Managerin. Der Mix aus Bodenständigkeit und Extravaganz macht Fleetwood zu einer wertvollen Figur im Golf – nicht zuletzt, weil er für neue Perspektiven steht. Fleetwood ist einer, der den Sport weiterbringt und zum Türöffner für eine neue Generation werden kann. Als bekennender Yoga-Fan, der die Übungen auch in seinen Trainingsalltag einfliessen lässt, steht er für innovative Wege. Er habe nichts gegen Traditionen, sagt er. Aber: «Ich habe in der Vergangenheit schon oft Gespräche darüber geführt, wie man das Golfspiel für Kinder und Jugendliche zugänglicher machen könnte.»

Dass ein solcher Spieler Interesse auf sich zieht, ist klar. So hat unlängst die Schweizer Luxusuhrenmarke die Verpflichtung von Tommy Fleetwood als Markenbotschafter bekannt gegeben. Der Brite wird die TAG-Heuer Connected Golf Edition repräsentieren und sein Wissen zur Verfügung stellen, um die Golf-App des Herstellers weiterzuentwickeln. Er freue sich, Mitglied der «TAG Heuer-Familie» zu werden, sagt Fleetwood dazu. Die Uhr sei sowohl technisch beeindruckend als auch ein Stil-Statement, das «auf und neben dem Kurs auffällt». Was man zweifellos auch über ihn selbst sagen kann.

Lukas Rüttimann

Tommy Fleetwood

Geburtsdatum: 19. Januar 1991
Geburtsort: Southport, England
Grösse: 1,8 m
Gewicht: 75 kg
Profi seit: 2010

Palmarès
6 Internationale Siege

Aussichten 2021
Laut PGA-Statistik liegt die Chance, dass Fleetwood 2021 auf der PGA Tour seinen ersten Sieg holt, bei 24 Prozent. Negativ bewertet wird die Tatsache, dass er auch 2021 in Europa sehr aktiv sein wird.

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