Er ist wieder da!
28. März 2018

„Captain America“ ist Masters Champion 2018

Ein grüner Kittel verleiht Flüüügel

Die bekannteste Aufnahme des 1930 von Hoagy Carmichael komponierten Songs „Georgia* on my mind“ stammt von Ray Charles (*wahrscheinlich war damit allerdings nicht der US-Staat, sondern eine Frau namens Georgia gemeint) und passt zum alljährlichen Stelldichein der Golfstars in Augusta. Wieder wurde vier Tage lang Golf wie (vielleicht mit der Ausnahme der Open Championship) nirgends zelebriert und weil das Turnier als einziges Major immer auf dem gleichen Platz ausgetragen wird, sind die meisten Spielbahnen den Zuschauern vertraut. Und alle wissen, dass jedes Jahr unfehlbar neue, unglaubliche Geschichten geschrieben werden. Wie hat es ein Topspieler formuliert? „Der Platz wird Dir in einem Moment der Unachtsamkeit gnadenlos ins Gesicht [sic] schlagen…“

Und der Beweis für die Aussage liess nicht lange auf sich warten! Sergio Garcia gewann 2017 in Augusta endlich sein erstes Major, doch die süssen Erinnerungen wurden am Donnerstag jäh weggefegt. El Niño machte seinem Spitznamen am 15. Loch leider wieder einmal alle Ehre und verwüstete seine Scorekarte mit einer 13. Die Zuschauer vor Ort und viele Millionen an TV-Schirmen trauten ihren Augen nicht, als der Spanier seinen Approach gleich fünf Mal ins Wasser schlug und alle Hoffnungen auf eine Titelverteidigung schon am ersten Tag davonschwimmen sah.

https://www.youtube.com/watch?v=b73NC0gRO1g

Von der lustigen Art war dagegen die Zirkusnummer von Jason Day gleich am allerersten Loch: Er schaffte es mit seinem zweiten Schlag einen Baum zu treffen, der Ball prallte an die Schulter eines Zuschauers und von dort in dessen Bierbecher. Damit der Australier seinen Ball identifizieren konnte, trank der Zuschauer kurzerhand zuerst sein Bier aus (dieses Intermezzo wurde leider nicht in bewegten Bildern eingefangen).

https://www.youtube.com/watch?v=xC9YW8_HQE0

— Donnerstag, 5. April —

Doch es gab am ersten Tag bei traumhaften äusseren Bedingungen natürlich auch massenhaft grosses Golf zu sehen. Jordan Spieth traf an der Zwölf (wieder einmal) nicht das Green sondern diesmal den vorgelagerten Bunker, rettete aber das Par und dieser Mini-Erfolg entpuppte sich als Initialzündung. Der Texaner liess darauf gleich fünf Birdies in Serie folgen und stand am Abend mit einer 66er Runde ganz oben auf dem Leaderboard. So hatte ähnlich hatte er das Turnier auch bei seinem Erfolg 2015 begonnen, aber er wusste sicher auch, dass Zwischenplatzierungen in Augusta oft wie Konfetti im Wind durcheinandergewirbelt werden können.

Zwei Schläge zurück lagen der lädierte Tony Finau (er hatte sich bei einem Siegestanz nach einem Hole-in-one im Par-3 Wettbewerb am Mittwoch den Knöchel ausgerenkt) und der unverwüstliche Matt Kuchar. Bei -3 standen nicht weniger als sieben Spieler, darunter Rory McIlroy, Charley Hoffman, Patrick Reed und Henrik Stenson. Tiger Woods schaffte eine 73 und lag damit auf dem 29. Rang, gleichauf mit Bubba Watson.

— Freitag, 6. April —

Am zweiten Tag stahl ein anderer Spieler aus dem Lone Star State dem Leader die Show: Patrick Reed erzielte bei etwas windigeren Verhältnissen nicht weniger als neun Birdies (nebst vier Par und drei Bogeys) und übernahm mit -9 die alleinige Führung. Spieth dagegen brauchte satte acht Schläge mehr als am Vortag, beendete die Runde mit 74 Schlägen und fiel auf den 4. Zwischenrang (-4) zurück. Für Aufsehen sorgte auch Bubba wieder einmal mit seinen unnachahmlichen Bananenschlägen mit denen der zweimalige Sieger aus scheinbar aussichtslosen Situationen ins Spiel zurückfand.

Die krummen Dinger beherrschten aber auch andere, zum Beispiel Marc Leishman und Tiger Woods. Beide mussten an der 15. Bahn zwei enorme Bögen zum Grün schlagen, weil die direkte Linie von Bäumen blockiert war. Leishman versenkte nach dem Schlag des Tages, einem gewollten, etwa 80 Meter kurvenden Monsterhook den Eagleputt

https://www.youtube.com/watch?v=zTL5xc5MGaY

und Woods schaffte ein (dringend notwendiges) Birdie. Der Rückkehrer spielte wirklich kein schlechtes Golf, musste sich aber zu oft – mit beeindruckenden Schlägen – aus Schwierigkeiten befreien und konnte damit eben keine Birdies (oder besser) erzielen. Auffällig war, dass seine Putts wohl ein halbes Dutzend Mal nur um einen Zentimeter oder noch knapper am Loch vorbeischrammten, doch er schaffte mit +4 immerhin noch den Cut.

Am Ende des Tages lag die Cutlinie bei +5 und vier Spieler die in diesem Jahr bereits Turniere gewonnen hatten, retteten sich mit Ach und Krach noch ins Wochenende: Phil Mickelson, Ian Poulter, Paul Casey und Kiradech Aphibarnrat.

Ganz oben auf dem Leaderboard standen nach 36 Löchern:

  1. Patrick Reed -9
  2. Marc Leishman (AUS) – 7
  3. Henrik Stenson (SWE) -5
    T4 Rory McIlroy / Jordan Spieth -4

— Samstag, 7. April —

Für den Samstag waren von den Wetterfröschen schlechte Bedingungen mit Regen und möglicherweise Gewittern vorausgesagt worden, doch glücklicherweise kam es bei weitem nicht so schlimm und die Zuschauer bekamen einige veritable Feuerwerke mit reihenweise Birdies serviert. Nicht weniger als elf Spieler kamen mit Runden in den 60ern zurück, allen voran Rory McIlroy, Rickie Fowler und John Rahm mit hervorragenden 65 Schlägen. Diese Drei gaben, wie auch Tommy Fleetwood (66) und Bubba Watson (68) alles, um Leader Reed nicht zu weit wegziehen zu lassen, doch der Mann aus San Antonio (Texas) konterte jeden noch so starken Effort der Konkurrenz. Der 27jährige der in Augusta so etwas wie ein Heimspiel hat – er studierte an der University of Georgia und danach an der Augusta State University – nutzte vor allem die Par 5 Löcher mit einem Birdie (8. Loch) und zwei Eagles (am 13. und 15.), um die Verfolger auf Distanz zu halten.

Da halfen auch Zauberschläge wie die von Rory nichts, Reed ging mit -14 und drei Schlägen Vorsprung in die Finalrunde und hatte im sechzehnten Anlauf beste Chancen auf seinen ersten Majortitel.

Reed und McIlroy waren also im letzten Flight am Sonntag, eine Paarung mit viel Brisanz, denn beide hatten sich schon am Rydercup 2016 in Hazeltine einen der spannendsten Zweikämpfe aller Zeiten geliefert, bei dem der Nordire mit 1 Down knapp unterlag. Hier die besten Szenen der beiden Führenden am Samstag:

Rory’s 3. Runde in knapp drei Minuten: https://www.youtube.com/watch?v=A3vyg6MRfvc

Patrick’s dritte Runde in knapp 3 Minuten: https://www.youtube.com/watch?v=IRqKBmqGb8A

— Finaltag, 8. April —

Als die Führenden ihre Sonntagsrunde gerade angefangen hatten, spielten die beiden früheren Masters-Champions Fred Couples (1992) und Bernhard Langer (1986 und 1993), zusammen 118 Jahre (!) alt, ihre letzten Putts und teilten sich den 39. Rang mit dem Gesamtscore von 291 Schlägen. Auch Tiger Woods war zu diesem Zeitpunkt schon zurück (289 für die vier Runden) und landete auf dem geteilten 32. Rang. Nicht so weit vorne wie von vielen erhofft, aber für jemanden der vor sechs Monaten nicht wusste, ob er je wieder wettkampfmässiges Golf spielen würde ein Achtungserfolg. Tiger genoss die vielen aufmunternden Stimmen aus dem Publikum, den Applaus nach einem Birdie am 11. und einem Eagle am 13. Loch und die Standing Ovation am 18. Green jedenfalls sichtlich und wirkte nach seiner besten Runde der Woche (69) und zweieinhalb Jahren Absenz von den Majors gelöst und glücklich.

Reed und McIlroy spielten auf den ersten Löchern ungewohnt nervös. Beide schlugen schon ihren ersten Drive weit nach links bzw. rechts und leisteten sich auch danach eine Reihe von Fehlern. Rory schien dabei das bessere Ende für sich zu behalten, machte auf den ersten zwei Löchern gleich zwei Schläge wett, nur um diese aber bereits am nächsten Loch wieder einzubüssen. Und so ging es munter weiter, beide machten schlechte Schläge, zauberten beim nächsten und der Zweikampf zog alle in den Bann – so sehr, dass der Schleichangriff von Jordan Spieth und Rickie Fowler weiter vorne lange etwas unter dem Radar blieb.

Ganz laut wurde es zwischendurch am 16. Loch – wo die Zuschauer immer besonders dicht stehen und sitzen – denn Charley Hoffman versenkte seinen Ball direkt vom Tee auf ungewöhnliche Weise, nämlich von der „falschen“ (sprich: gefährlichen) Seite:

https://www.youtube.com/watch?v=Wyxngz5BEHA

Rory vergab hingegen weiterhin ein paar dicke Chancen und so führte der US-Amerikaner auch am Start zu den Backnine immer noch mit zwei Schlägen auf Spieth und vier auf McIlroy, dem nach der Wende nicht mehr viel gelang. Spieth hingegen machte an seinem Nemesis-Loch (Nr. 12) ein Birdie, liess am 13., 15. und 16. drei weitere folgen und so kam es – plötzlich und eher unerwartet – zum Fernduell zweier Texaner. Mehr Spektakel ging nun wirklich nicht, vor allem weil neben Rickie Fowler auch noch John Rahm bis auf zwei Schläge herangekommen war.

Und dann geschah das, was Eingangs schon erwähnt wurde: Rahm und Spieth verloren für wenige Momente den Fokus und beide bezahlten dafür die Zeche. „Rambo“ versenkte seinen Ball an der Fünfzehn (dem letzten Par 5 wo Spieler mit Siegesambitionen keinesfalls Schläge liegen lassen dürfen) im Wasser. Spieth verzog seinen Drive am letzten Loch links in die Bäume und der Ball landete nicht einmal Anfang Fairway. Dann folgte noch ein schlechter Putt – vielleicht sein einziger am ganzen Tag – der ihm sein einziges Bogey auf der Schlussrunde einbrachte und das war’s leider mit dem Traum von einem dritten Green Jacket. Schliesslich blieb als letzter Herausforderer noch Fowler, der mit einem schönen und raren Birdie am Schlussloch nochmals für etwas Spannung sorgte – er lag mit -14 nur noch ein Schlag zurück. Doch Reed  – Spitzname „Captain America“ wegen seinem extrovertierten und kampfbetonten Auftreten am Ryder Cup – liess ganz zum Schluss nichts mehr anbrennen und holte sich seinen ersten Majortitel.

https://www.youtube.com/watch?v=FTPmnZVgDjQ

Klar, der Texaner polarisiert und ist sicher nicht ein „Prinz Charming“ wie Rickie Fowler oder Matt Kuchar, verdient hat er sich das Grüne Jacket nicht desto trotz. Er blieb über drei Runden stets ruhig und besonnen, wusste aus den Ausrutschern der Mitbewerber Nutzen zu ziehen und vor allem eigene Fehler postwendend zu korrigieren.

Hier geht’s zum gesamten Leaderboard:

https://www.golfchannel.com/tours/pga-tour/2018/masters-tournament/

Text: Peter Hodel
Foto: Getty Images

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