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Birdiebooks – eine Erfolgsgeschichte

Birdiebooks – eine Erfolgsgeschichte

Wir alle kennen Sie, die bunten Büchlein, die in den Proshops aufliegen und für die man oft noch ein paar Franken locker machen muss – obschon praktisch jede zweite Seite mit Inseraten bestückt ist und damit die Produktion der kleinen Helfer wahrscheinlich mindestens selbsttragend ist…

Angefangen hatte alles in den späten 1940er Jahren in den USA, als Gene Andrews und der damals erst 17jährige Dean Beman (unabhängig voreinander) anfingen, Distanzen von herausstechenden Punkten auf dem Platz bis zur Greenmitte zu messen. Beman, der spätere Commissionar der US PGA Tour (1974- 94) prägte sich zuerst die Schrittlänge auf einem Football Feld (mit den Yard-Markierungen) ein, ging dann über den Golfplatz und notierte sich die abgeschrittenen Distanzen einfach auf seine Scorekarte. Diese simple Methode scheint uns heute so fern wie Kassettentonbandgeräte oder Floppy Disks, war aber ein Novum in einer Zeit, in der die Spieler noch auf Schätzungen und Gefühl vertrauten.

Die neue Idee war mitnichten gleich ein Vollerfolg. Beman erinnert sich: „Am Walker Cup 1959 spöttelte Jack Nicklaus über meine Kritzeleien und war überhaupt nicht interessiert. Doch 1961 an den U.S. Amateur Meisterschaften in Pebble Beach fing Jack an, meine Methode zu kopieren und nach seinem Wechsel zu den Profis schickten mehr und mehr Spieler ihre Caddies auf den Platz, um möglichst genaue Distanzen abzuschreiten.“ Damit gehörte die Ära „Spielen nach Augenmass und Gefühl“ der Vergangenheit an.

Mit besseren Vermessungsmethoden wurden die Birdiebooks detaillierter und gehörten ab Mitte der 1970er Jahre zur Standardausrüstung für Profis, Top-Amateure und bald darauf auch  Freizeitspieler. Mir persönlich kommen die kleinen, farbig illustrierten Büchlein sehr gelegen, wenn es wieder einmal auf einen unbekannten Platz geht. Ich bekomme eine recht gute Idee von den Spielbahnen und manchmal sind da sogar Empfehlungen – oft vom Clubpro verfasst – wie man ein bestimmtes Loch angehen soll.

Mit der Entwicklung von GPS, Laservermessung und Apps geschah nach der Jahrtausendwende  ein Quantensprung und schon bald konnte man sich präzise Informationen auf seine Golfuhr oder Smartphone herunter laden – Birdiebücher wurden scheinbar obsolet. „Nicht so ganz“, meint Felix Meier „Mr. Strokesaver“, der vor jeder Open Championship vor Ort alle Daten für die R&A und letztlich auch die Spieler erfasst. „Die Pros dürfen (noch) keine Lasermessgeräte und andere elektronische Hilfsmittel verwenden und sind auf unsere Büchlein angewiesen. Und die Caddies schreiben oft noch zusätzliche Informationen in unsere Werke, die sie während den Trainings- und Besichtigungsrunden gesammelt haben.“

Auch für Freizeitgolfer gehören die Druckwerke noch nicht zwingend ins Raritätenkabinett. Ich nehme jeweils ein Exemplar mit und kann mir damit auch noch Wochen oder Monate später in Erinnerung rufen, wie gut (oder immer öfter schlecht) ich einen Platz gespielt habe. Andere Spieler meinen, sie würden sich manchmal zu Hause in aller Ruhe eine Spielstrategie (zum Beispiel für besonders trickreiche Löcher) notieren – das ginge mit Smartphone oder Golfuhr eben nicht. Und dann gibt es auch noch die Sammler, die möglichst von allen gespielten Plätzen einen Strokesaver aufbewahren (ich beschränke mich da allerdings auf Scorekarten, denn 400+ Birdiebücher würden bei einem allfälligen nächsten Umzug doch zu viel Volumen bedeuten).

Präzision im Detail: Greenmapping

Der nächste und bis dato grösste Schritt war die äusserst präzise Vermessung der Puttingflächen. Ein Optischer Laser Scanner, auf oder kurz vor dem Green platziert, erkennt selbst minimalste Höhenunterschiede und liefert mehrere Gigabytes an Daten. Diese werden dann auf eine mit GPS erstellte Schablone mit dem Umriss des Greens übertragen. Das Resultat sind hochpräzise Karten mit Höhenkurven, die genaue Informationen zu den Breaks  geben.

Unumstritten ist das Ergebnis der modernen Technologie allerdings nicht. Am Northern Trust FedEx Cup Playoff 2017 lasen Dustin Johnson und sein Caddie einen – zugegebenermassen entscheidenden – Putt aus rund fünf Metern zuerst aus allen Richtungen und konsultierten danach noch das Greenmap. Nach fast zwei Minuten spielte DJ dann endlich seinen Ball, lochte ein und gewann in der Folge das Turnier. Man kann sich unschwer vorstellen was passiert, wenn nun auch Hobbygolfer so vorgehen: An jedem Loch studieren vier SpielerInnen zwei Minuten lang die Puttlinie = acht Minuten auf der Uhr – und das eventuell über 18 Bahnen. Ich kriege nur schon beim Gedanken daran Migräne…

Selbst Topspieler wie Adam Scott, Jason Dufner oder Luke Donald sehen die neuste Entwicklung kritisch. „Die Kunst des Puttens geht verloren“, oder, „wer ein Green nicht richtig lesen kann, ist selber schuld“, lauten nur zwei Kommentare aus dem Profilager. Und auch die USGA und die R&A als „gesetzgebende“ Institutionen haben Vorbehalte. „Wir sind besorgt über das immer detaillierter zu Verfügung stehende Material. Die Kunst ein Green lesen zu können, ist ein wesentlicher Bestandteil des Golfspiels. Wir werden die Entwicklung, auch im Hinblick auf das Spieltempo, beobachten müssen.“

Die Green-Mapping Spezialisten sehen das natürlich mit anderen Augen. „Bei der Geschwindigkeit, mit der sich die moderne Technologie fortbewegt, wird man in wenigen Jahren sein Smartphone auf das Green richten können und bekommt präzise Angaben wohin man zielen und wie stark man zuschlagen muss.“ Je nach Gusto ist das supercool oder ein anderer gruseliger Sprung in die Zukunft.

Text: Peter Hodel
Quellen: Felix Meier / Golf Digest
Grafiken: Strokesaver©

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