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Alter Ego – Eine wahre Begebenheit auf Loch 9

Eine Kolumne von Mischa Peter, Swiss PGA Pro im Golfpark Holzhäusern.

Mit einer Kundin wartete ich am Abschlag bei Loch 9. Wir waren aufgelaufen und wurden Zeugen einer Flirtattacke von Hans (73), Fredy (68) und Werni (66) auf Anna. Sie war Schwedin. Unverkennbar. Nicht nur wegen des Akzents.

Anna wusste nicht, wie oder was ihr geschah. Sie schien eine gute Golferin zu sein. Heya, sie war ja Schwedin. Und sie hatte dieses golferische Benehmen, das gute Spielerinnen und Spieler an sich haben. Die Herren schienen sich warm gelaufen zu haben, bis sie am 9. Loch waren. Denn sie alle waren hyperfröhlich, ausnehmend gut gelaunt, und ich glaube, wenn sie am Morgen gewusst hätten, dass sie mit Anna spielten, wäre noch mehr Aftershave durch die Luft gewirbelt. Viel mehr!

Fredy war ihr besonders zugetan. Das hatten vermutlich auch Werni und Hans gemerkt, denn sie waren etwas zurückhaltender und unfröhlicher. Aber Fredy! Der frohlockte. Er lachte, er witzelte über Dinge, bei denen seine Frau zu Hause vermutlich nicht mal zugehört hätte. Er machte einem Italiener seine Gestik streitig, und man hätte ihm sogar an einem Fussballmatch ein strenges «Pssssss» zugeraunt. Es war zwar Hochsommer, doch Fredy spürte den Frühling. Seinen ganz persönlichen Frühling. Einen schwedischen Midsommer.

Anna machte mit. So gut es ging. Ich hatte das Gefühl, dass sie eigentlich nur des Golfens wegen hier in Holzhäusern war. Hätte sie doch bloss ihre Wikinger-Schilde und -Schwerter nicht zu Hause gelassen. Weil Fredy gab alles. Wirklich alles. Er flirtete, lachte, umgarnte, kicherte. Sobald Anna auch nur den Schein einer Antwort oder Reaktion gab, tänzelte er um sie herum, als wäre er Fred Astaire. Ich sah ihm erstaunt und vermutlich mit offenem Mund zu. Auch meine Kundin asiatischer Abstammung – also von Natur aus ruhig – war noch ruhiger als sonst.

Dann war Zeit, abzuschlagen. Der Flight vorne war auf dem Grün. Fredy, mit lautem Lachen, sagte: «Wir Alten können schon spielen, aber Anna – die muss sicher noch warten. Weil sie ja so einen Hammer-Drive hat. Gell Werni, gell.» Er schlug mit dem Handrücken wie wild auf Wernis Schulter, der am nächsten Tag einen Termin beim Physio machen musste deswegen. Schulterluxation wegen Ikea-Golfspiel. Hans steckte als Erster sein Tee in den Boden und schlug mit gutem Erfolg den Ball Richtung Fairway. Dann drängte sich Fredy vor. Er grinste Anna zu, die mit verschränkten Armen etwas abseits von Werni stand. Sie grinste gequält zurück, wie wenn die Köttbullar von gestern nicht gut gewesen wären.

Ich musste mich extrem zurückhalten, damit ich nicht drauflosprustete. Fredy! Machte einen Schwung! Am Ball vorbei! Er liess sich nichts anmerken. Es war nicht das erste Mal, dass ihm so was passierte, das war klar. Mit leicht verzogener Miene stellte er sich wieder hin, aber die Bäckchen waren nun sehr rot und die Schweissperlen auf der Stirn formten sich. Leider sah ich Hans’ Gesicht nicht. Aber Werni war innerlich am Schreien, am Wild-Rumtanzen, am Die-Arme-in-die-Luft-wirbeln, am Riverdance-Tanzen. Von aussen sah man nichts. Nur der linke Mundwinkel zuckte leicht grinsend.

Und als Fredy seinen zweiten Ball fünf Meter in die Böschung toppte, war es auch um Anna geschehen. Leicht errötend, die Lippen aufeinanderbeissend, stand sie da. Mit ihren Augen – blau natürlich – versuchte sie tröstend dreinzuschauen. Aber mit ihrem Gesicht schien sie zu sagen: «Du borde inte ha», was mit schwedischem Sarkasmus heisst: «Das wäre jetzt aber nicht nötig gewesen.»

«Ich spiele einen von vorne», sagte Fredy jetzt etwas weniger laut. Werni marschierte an ihm vorbei mit erhobenem Kopf und etwas zu geschwellter Brust, wie mir schien. War das Schadenfreude? Offensichtlich. Der Nebenbuhler hatte dieses Loch schon gewonnen. Anna haute dann ihren Drive – auch von Gelb – zirka 50 Meter weiter als die Herren.

Die Moral von der Geschicht? Mit Ikea spielt man nicht.

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