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Paradigmenwechsel: Können vor Geschlecht

Fast so alt wie das Spiel selbst ist die Diskussion um den Spielfluss. Wartezeiten auf Fairways sind ein stetes Ärgernis, und der R&A lässt nichts unversucht, Remedur zu schaffen. Mit einem überraschenden und mutigen Vorschlag: Am Abschlag soll in Zukunft die Spielstärke und nicht das Geschlecht entscheiden. 

R&A steht für Tradition. Der 1754 gegründete Royal & Ancient Golf Club ist seit jeher zuständig für alte und neue Regeln im Zusammenhang mit dem Golfspiel. Und: R&A zeichnet sich normalerweise nicht durch übermässige Innovation aus. Die Regeln ändern nur selten und minim. Doch jetzt dies: Beim Abschlag soll nicht mehr das Geschlecht über die Teebox entscheiden sondern die Spielstärke. Dies kann man einem 76seitigen Manual «Pace of Play» entnehmen, welches der R&A herausgegeben hat, und in welchem zahlreiche Vorschläge enthalten sind, um den Spielfluss zu steigern. (www.randa.org/RulesEquipment/Pace-of-Play/Manual) Diese Abschlags-Massnahme entspricht einem eigentlichen Paradigmenwechsel. Seit ewigen Zeiten schien es in Stein gemeisselt zu sein, dass die Ladies ab rot oder blau (selten) abschlagen und die Herren ab gelb oder weiss. Und dies gilt auch dann, wenn die Dame hammermässige Abschläge produziert und ihr Ehegesponst es längenmässig knapp auf das Fairway schafft. Wenn sich dann mal ein Vertreter des sogenannt starken Geschlechts getraute, ab blau oder gar rot abzuschlagen, wurde er mitleidig belächelt oder zumindest schräg angeschaut.

Das soll in Zukunft anders und regelkonform sein. Auch wenn sich das auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich anhört, scheint dieser Vorschlag durchaus Sinn zu machen. Es wird freilich einige Zeit dauern, bis das neue Verhalten, das zweifellos bei vielen als Tabubruch wahrgenommen wird, sich auf unseren Plätzen durchsetzt. Neben einem nachvollziehbaren Zeitgewinn dürfte auch die Stimmung auf den Plätzen besser werden, weil es mehr Spass macht und der Stress abnimmt. Sprüche wie: «Die Damen schlagen hier ja wieder fast vom Greenrand ab», dürften der Vergangenheit angehören, und eheliche Missstimmungen reduzieren sich, wenn der golfmässig unterlegene Mann nicht mehr frustriert zur Kenntnis nehmen muss, dass seine Partnerin ihn regelmässig um Längen überdrived. Schon dafür gebührt dem R&A ein heiterer Dank.

Yves Ton-That: sinnvolle Sache
So ganz neu scheint die Sache freilich nicht zu sein: Wie uns Yves Ton-That, Herausgeber zahlreicher Golfregel-Publikationen auf Anfrage mitteilt, wird das in den USA und Skandinavien bereits praktiziert: «Ich kann nur unterstreichen, wie sinnvoll es ist, das Tee seiner Spielstärke anzupassen. Ich denke, die Thematik ist generell für den Golfsport förderlich. Klar können damit auch kürzere Rundenzeiten erzielt werden, aber vor allem werden alle mehr Spass haben, was dem Golfsport auch insgesamt hilft.»

Und dagegen kann man ja schwerlich etwas einwenden.

Piero Schäfer

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