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Nur nicht blenden lassen!

Je kürzer das Eisen, desto grösser die Treffsicherheit – klare Sache, oder…? Wir zeigen Ihnen anhand von zwei typischen Situationen, dass diese Golferweisheit mit Vorsicht zu geniessen ist, denn die Nummerierung der Schläger ist trügerisch.

Fall Nr. 1:       Das Psychospielchen

Wir alle wurden auf der Runde schon mit der Frage konfrontiert: „Welchen Schläger hast Du da benutzt?“ Das kann (a) echtes Interesse, oft aber auch (b) der Auftakt zu einem kleinen Spielchen sein, denn wenn Sie mit „Eisen Sechs“ antworten, wird Ihnen der Fragende vielleicht mit stolzgeschwellter Brust sein 7er- oder gar 8er-Eisen neuster Machart vor die Nase halten.

Der Haken an der Sache: Die Nummern auf den Schlägern basieren nicht auf standardisierten Masseinheiten und die Lofts können von einem Hersteller zum anderen erheblich abweichen. Das Eisen 7 aus der Ping S55 Serie hatte einen Winkel von 33 Grad, derselbe Schläger des Modells RSi von Taylor Made dagegen nur 30.5 Grad und Callaway’s Big Bertha 7er sogar nur 30 Grad Loft – ein Grad weniger als das 6er Eisen von Ping! Solche Abweichungen sind nicht nur bei den Herstellern, sondern sogar bei einzelnen Modellen vorhanden. Beim Nike VRS Covert 2.0 7er Eisen wurden 31 Grad Loft gemessen, volle vier Grad weniger als beim Eisen 7 der V Forged Combo Serie.

Wenn Sie also nicht mit den genau gleichen Schlägern wie Ihr Spielpartner unterwegs sind, ist der eingangs erwähnte Vergleich absurd. Und es bedeutet schon gar nicht, dass der Spielpartner der bessere – oder vielmehr „längere“ – Golfer ist. Ganz ehrlich, es ist doch völlig Wurscht, ob Sie am kurzen Par 3 oder für den Approach aus 130 Metern ein Eisen 8 oder doch eine Nummer mehr benötigen, so lange Sie das Green gut treffen und eine Birdiechance bekommen.

Fall Nr. 2:       Die neuen Eisen von Doublespeed (fiktive Marke)

An den Demo-Days dürfen Frau und Mann ja meist nach Herzenslust neue Produkte ausprobieren und da hört man dann oft verzückte Ausrufe wie „Oh, schau mal, wie weit ich mit diesen Eisen schlagen kann“ oder „mit meinen alten Schlägern war ich 10 Meter kürzer. Diese Superwaffen mit Triple Titan-Wolfram-Legierung und Space-Technology-Schäften werde ich gleich bestellen!“

Klar, die technologischen Innovationen der letzten Jahre sind bemerkenswert und gerade Hobbygolfer profitieren stark von besserer Fehlerzeihung, grösseren Sweetspots oder auch verschiedenen Schäften, die auf individuelle Fähigkeiten abgestimmt werden können. Allerdings können die Hersteller nicht einfach nach Herzenslust an allem und jedem herum schrauben, denn die USGA hat klare Regeln und Toleranzen festgelegt, zum Beispiel, wie fest eine Schlagfläche beim Ballkontakt federn darf. Es ist also nicht erlaubt, übermässigen „Trampolineffekt“ zu kreieren.

Noch wichtiger beim Vergleich neuer Schläger (die am Demo-Day so viel Aufsehen erregen) mit den alten im Kofferraum ist aber, dass die Loftwinkel über die Jahre stark verändert wurden. Schauen Sie einmal in die folgende Tabelle:

Schläger 1960er / 1970er 1980er 1990er / 2000er 2010+
Eisen 1 17 17 16
Eisen 2 20 20 18
Eisen 3 24 23 21 18- 21
Eisen 4 28 26 24 22- 24
Eisen 5 32 30 27 24- 27
Eisen 6 36 34 31 27- 31
Eisen 7 40 38 35 31- 35
Eisen 8 44 42 39 35- 40
Eisen 9 48 46 43 40- 44
PW 52 50 48 44- 48
Gap Wedge 52 48- 52
SW 56 56 56 54- 56

Diese Zahlen erklären so einiges. Zu Beispiel (a) warum die Topspieler – nebst besserer Fitness, Ernährung oder modernsten Swinganalysen – kürzere Eisen ins Green schlagen, (b) warum deren Caddies bis zu vier Wedges im Bag herumtragen müssen (um die „Distanzlücken“ zu schliessen), oder auch (c), warum Sie den Ball mit einem Eisen 5 nicht mehr richtig in die Luft bekommen. Letzteres ist muss nicht zwingend auf den mit einer Abnahme von Kraft und Beweglichkeit einhergehenden Alterungsprozess zurückzuführen sein. Es kann auch daran liegen, dass der Schläger des neuen Sets eben mehrere Grad weniger Loft hat und sich eher wie ein „altes“ Eisen 4 spielt.

Wichtig ist also nur, dass Sie wissen, welchen Schläger Sie für welche Distanz brauchen. Vergleiche mit anderen Spielern sind unerheblich und verleiten möglicherweise nur zu falschem Ehrgeiz. Spielen Sie gegen den Platz; Old Man Par ist Ihr Gegner und nicht der Mitbewerber mit seinen Suggestivfragen.

Text: Peter Hodel
Quelle: Todays Golfer

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