Die ultimativen Herausforderungen
14. Dezember 2017

Geht es den Hightech-Bällen an den Kragen?

Mike Davis ist Direktor der U.S. Golf Association und damit eine der wichtigsten Figuren im Golfsport. Im März 2017 sprach er eine Idee an, die das Spiel dramatischer verändern könnte als alle technischen Innovationen wie Titandriver, Grafitschäfte, usw., die in den vergangenen paar Jahrzehnten Einzug gehalten haben. Es geht um eventuelle Restriktionen beim Golfball, oder genauer dessen Flugweiten.

Rückblenden: 1991, Ort des Geschehens: Crooked Stick GC in Indiana. Der Anlass: Die PGA Championship. Der Delinquent: John Daly. Das Delikt: Der 25jährige, als Neunter Ersatzmann ins Feld nachgerückt, zerlegt den äusserst schwierigen, über 6900 Meter langen Platz mit seinen unfassbar langen Schlägen und gewinnt als Tour-Neuling gleich ein Major. Sein Caddie Jeff „Squeaky“ Medlin, der Nick Price zu drei Majortiteln geführt hatte, meinte während dem Turnier, „ich kann dem Kerl keine Schlägerberatung geben, er ist so viel länger als alle, die ich je gesehen habe.“

1996, The Masters. Auftritt Tiger Woods (21), der sich nur acht Monate nach seinem Wechsel ins Profilager seinen ersten Majortitel mit dem Rekordvorsprung von 12 Schlägen auf den Zweitplatzierten Tom Kite holt. Tiger’s Markenzeichen: Seine Abschläge, die regelmässig an die 300 Metermarke gehen und ihm beim nächsten Schlag einen enormen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern verschaffen. Am 15. Loch, einem 500 Yards langen Par 5, an dem der grosse Gene Sarazen 1935 seinen legendären Albatros schoss – mit einem Driver und einem 4er Holz – erreichte Tiger das schwierig zu treffende, quer zur Spielrichtung verlaufende Green mit Driver und 5er Eisen! Die Kollateralschäden seiner Spielweise sind aber weit gravierender: Viele Golfplätze die als Tourstops dienen, werden in der Folge einem „Tiger-Proofing“ unterworfen (will heissen, sie werden verlängert), um die Vorteile für Longhitter zu reduzieren.

Vor „Wild Thing“ John Daly und Tiger Woods gab es keine Spieler, die den Ball regelmässig über 270 Meter weit schlagen konnten. Die beiden läuteten – fast im Alleingang – eine Ära ein, die ungebrochen anhält. Die Zahlen der Saison 2017 sprechen Bände: Auf der USPGA Tour gibt es nicht weniger als 60 Spieler, die vom Tee durchschnittlich 300 Yards und mehr erreichen. Spitzenreiter dieses Longhitter-Clubs ist Tony Finau mit knapp 337 Yards (= 308 Meter). Die aktuelle Statistik der European Tour führt 35 Weitenjäger mit durchschnittlichen 300 Yards und mehr. Angeführt wird diese Rangliste von Ryan Fox (291 Meter) knapp vor Rory McIlroy (290 Meter).

Klar können sich Freizeitgolfer kaum mit Berufsspielern vergleichen, die täglich hunderte von Bällen schlagen, ausgeklügelte Fitness- und Ernährungsprogramme haben und von Swingcoaches und Sportpsychologen betreut werden. Doch die Entwicklung „Longhitting“ schlägt bis in den Bereich Hobbygolf durch. Heute können selbst Eliteamateure so weit schlagen, dass sie – vor allem auf älteren und kürzeren Plätzen – strategisch platzierte Bollwerke wie Fairwaybunker oder Wasserhindernisse manchmal einfach „überspielen“ können. Mike Davis: „Es geht mir nicht darum, wie lang Dustin Johnson und seine Kollegen sind. Die Realität betrifft alle Golfenden und zwar in einem negativen Sinn, weil die Kosten für das Spiel hochgetrieben werden.“

In erster Linie betrifft das Längenproblem die Top-Adressen, auf denen regelmässig Turniere auf höchstem Niveau ausgetragen werden. Als in Shinnecock Hills 1896 das zweite U.S. Open austragen wurde, mass der Platz knapp 4050 (!) Meter. 2018 werden die Pros mit 6802 Metern konfrontiert. Ein Blick auf die alle zwei Jahre publizierte Top100-Liste des Magazins Golf Digest untermauert die beängstigende Entwicklung: 2017 betrug die durchschnittliche Länge der 100 Plätze 7151 Yards, ein Sprung von über 200 Yards gegenüber 1997. Die Kosten für solche Platzverlängerungen sind nicht zu unterschätzen: Grösserer Landbedarf, erhöhter Aufwand für die Greenkeeper, Mehrkosten für Bewässerung und Düngemittel, Verschiebung von Bunkern (oder Neubauten), die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Für Clubs die keine Ambitionen zur Durchführung von Profiturnieren haben, müsste das Problem eigentlich vernachlässigbar sein – ist es aber nicht. So zumindest sieht das Tom Doak, einer der führenden Coursedesigner: „Jeder aus dem Golfbusiness schaut sich die wöchentlich stattfindenden PGA Tour Events an und denkt, ´oh, der Angriff auf die Plätze kommt, da müssen wir auch mithalten´. Zudem haben in den meisten Clubs die besten Spieler das Sagen, weil sie in den Green-Komitees sitzen und die Entscheidungen (für allfällige Umbauten oder Erweiterungen) fällen.“

Das Problem hat verschiedene Väter (Hightech-Materialien, bessere Technik und Fitness, ausgeklügelte Methoden beim Schlägerfitting, etc.) und dass es nun vielleicht dem armen Ball an den Kragen gehen soll, scheint etwas unfair, ist aber die einfachste Lösung. Die USAG und die R&A haben gemeinsam eine Studie in Auftrag gegeben, mit der ermittelt werden soll, welche Auswirkungen „längenreduzierte“ Bälle auf den Sport hätten. Das von Mike Davis initiierte Konzept wäre auch eine Abkehr von der Oberhoheit der beiden gesetzgebenden Organisationen. Es sieht vor, dass die PGA Tour, aber auch jeder einzelne Club selber entscheiden könnte, welche Bälle auf welchem Platz zugelassen werden.

Ein neues Reglement für Golfbälle hätte für über 90 Prozent aller Golfer kaum Auswirkungen. So sieht es auch Angel Illagan, Geschäftsführer von Bridgestone Golf: „Modelle die weniger weit fliegen, würden nur einen winzigen Prozentsatz von Spielern betreffen.“ Und auch Brian Mahoney, der die New York Metropolitan Golf Association leitet, kann sich mit der Idee anfreunden. „Wir organisieren Turniere für Top-Amateure und diese Spieler sind durchaus empfänglich für eine „Längenreduktion“ bei den Bällen.“ Mahoney meint aber, dass ein solches Vorhaben auch von einem einflussreichen Club mitgetragen werden müsste. Er denkt  zum Beispiel an einen, der das Masters im April durchführt… und scheint dabei auf offene Ohren zu stossen. Augusta Chairman Fred Ridley meinte im Oktober 2017: „Das würden wir gerne prüfen.“

So ganz überraschend ist die Aussage von Ridley nicht, denn gerade der Superplatz in Georgia ist – was das Spiel der Profis angeht – längst an seine Grenzen gestossen und sah sich vor einigen Jahren gar genötigt, dem benachbarten Augusta Country Club ein Stück Land zum Preis von 27 Millionen Dollar abzukaufen. Und das nur, um sein 13. Loch (Par 5, 465 Meter) um etwa 50 Meter verlängern zu können.

Noch ist unklar, ob und wann die Bälle (oder wenigstens ein paar Modelle) weniger weit fliegen lernen. Ein mutiger Ansatz ist es aber allemal.

Text: Peter Hodel
Quelle: Wall Street Journal

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