Swiss Golf Park – Wädenswil
1. Mai 2017
Ein Youngster liess sich vom „Beast“ nicht beeindrucken
1. Juni 2017

Die mediale Demontage eines grossen Champions

Der "Mugshot" von Tiger gehört für uns in die Kategorie "unangemessene Fotos" - wir verzichten!

Geplant war, an dieser Stelle über etwas Positives aus der Golfwelt zu berichten. Zum Beispiel, wie der unverwüstliche Bernhard Langer (59) am vergangenen Wochenende die U.S. Senior PGA Championship gewonnen hat. Damit schaffte es der Deutsche als erster Spieler, alle fünf Senior Majors (The Tradition, die Senior PGA, die Senior Players Championship, die US Senior Open und die Senior British Open) zu gewinnen. Oder auch, dass André Bossert nach dem letztjährigen U.S. Senior Open erneut den Cut bei einem der grossen Turniere schaffte und zum Schluss (nach einer durchzogenen Finalrunde mit 76 Schlägen) auf den geteilten 46. Rang kam.

Doch dann ging am Montag ein Rauschen durch den Blätter- und Internetwald: Tiger Woods war in Florida wegen Verdachts auf DUI (Driving Under Influence) festgenommen worden und diese Meldung stellte leider alle sportlichen Aspekte in den Schatten. Blitzartig verbreiteten die Medien – selbst solche, die sich sonst nie mit Golf befassen – wildeste Spekulationen und untermalten diese mit einem Polizeifoto, das Tiger gar nicht gut aussehen liess. Ein Schweizer Boulevardblatt titelte genüsslich: „Golf-Star eingelocht – Tiger Woods nach Suff-Fahrt verhaftet“ und das, noch bevor weitere Fakten vorlagen. Bekannt war zu dem Zeitpunkt nur, dass eine Polizeipatrouille den schlafenden Tiger in seinem falsch geparkten Auto entdeckt hatte und ihn einer Reihe von Fragen und den üblichen Tests (geradeaus gehen, einem Licht mit den Augen folgen, usw.) unterzogen hatte. Weil der Superstar dabei sichtlich verwirrt reagierte, wurde er für weitere Abklärungen für rund drei Stunden festgenommen.

Am nächsten Tag veröffentlichte das Jupiter Police Department dann auch noch ein Video, das mit einer sogenannten Dashcam aufgenommen wurde. Darauf war deutlich zu sehen, dass Tiger Woods nicht mehr Herr seiner Sinne war. Er gab aber auch zu Protokoll, weder Alkohol noch Drogen konsumiert zu haben und machte geltend, dass eine Kombination von Medikamenten zu seinem Zustand geführt hätte. Dann folgte die vor allem in den USA übliche Vorgehensweise von Promis: Die Schuld öffentlich eingestehen, Reue zeigen und sich bei Familie, Freunden und Fangemeinde entschuldigen. Damit wird die ganze Sache für Woods aber noch lange nicht ausgestanden sein, denn das Internet vergisst nie.

Gerade deshalb sind auch einige kritische Fragen angebracht:

Wer kam eigentlich auf die Idee, den Mug-Shot (auf dem Niemand, nicht einmal Santa Claus oder ein niedlicher Koala gut aussehen würden) und das besagte Video zu veröffentlichen? Auch wenn Woods in seinem Zustand sicher nicht hinter das Steuer gehört hat, die polizeilichen Beweismittel hätten nicht gleich rund um die Welt gehen müssen. Sollten nicht auch  Prominente einen gewissen Persönlichkeitsschutz geniessen, zumindest bis die Sachlage restlos geklärt worden ist? Aber NEIN! Schlagzeilen, vor allem negative, verkaufen sich nun einmal bestens, oder wie es ein Chefredaktor der New York World einmal einem seiner Korrespondenten mitgab: „Send all the details. Never mind the facts.“

Der Fall wird wohl schnell abgeschlossen und was genau zu Tiger’s Zustand geführt hat, dürfte kaum je öffentlich werden. Tatsache ist, und das bestätigen einige seiner (wenigen) Freunde, dass Tiger nicht nur körperliche Probleme hat, sondern vor allem unter dem Nichtstun leidet. Steve Stricker meinte vor kurzem: „Ich mache mir Sorgen. Tiger fehlt offensichtlich der Wettbewerb, der Ansporn, sich mit den Besten zu messen.“

Ich persönlich hoffe, dass Woods – wenn wahrscheinlich auch nicht auf der grossen Golfbühne – neue Ziele findet. Im Moment gibt der einst so überlegene Champion nur eine traurige Figur ab und so möchte ich ihn, der so viel für den Golfsport getan hat, nicht in Erinnerung behalten.

Text: Peter Hodel

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.